Die Behandlung des kongenitalen Klumpfußes
Dr. Ignacio V. Ponseti
Abteilung für Orthopädie und orthopädische Chirurgie
Universitätsklinik Iowa
Status der Begutachtung: Extern begutachtet
Erstellt: März 1996
Letzte Änderung: Januar 2002
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Die meisten Orthopäden stimmen darin überein, dass die initiale Behandlung
des kongenitalen Klumpfußes konservativ sein soll, und in den ersten Lebenstagen
beginnen muss, um die dann noch vermehrte Elastizität des Gewebes, welches
die Bänder, Gelenkskapseln und Sehnen bildet, zu nutzen. Eine frühe
operative Behandlung führt zu Fibrosierung, Vernarbung und Versteifung
[4,5] und muss daher aufgeschoben werden, bis das Kind mindestens drei
Monate alt ist. Diese ersten drei Monate bieten dem geübten und erfahrenen
Chirurgen die einzigartige Möglichkeit die Deformität durch manuelles
Einrichten und Gipsredression zu behandeln. Korrektes manuelles Einrichten gefolgt
von dem Anbringen von gut angepassten Gipsverbänden ermöglicht die
beste und sicherste Korrektur der meisten Klumpfüße bei Säuglingen
[11].
Das Versagen der konservativen Therapie ist meist auf das fehlende Verständnis
der Kinematik und Pathomorphologie der Deformität vieler Chirurgen zurückzuführen.
Die Kinematik des Klumpfußes wurde ausführlich von Farabeuf 1892
[6] und von Brockman 1930 [2] beschrieben. Als wir 1963 unsere
Ergebnisse aus 15 Jahren Behandlung präsentierten, zeigten wir, dass, um
die Deformität zu korrigieren, der gesamte Fuß distal des Talus nach
lateral rotiert werden muss (Abduktion unterhalb des Talus, der in der Sprunggelenksgabel
fixiert ist) [10]. In einer aktuellen Studie über unsere Patienten
die wir vor 25- 42 Jahren behandelt hatten [3], zeigte sich, dass, obwohl
der behandelte Klumpfuß weniger elastisch war als der gesunde Fuß,
kein signifikanter Unterschied bezüglich Funktion und Leistung verglichen
mit einer Kontrollgruppe gleichaltriger gesunder Probanden gefunden werden konnte.
Unsere Behandlung ist einfach zu erlernen. Ein interessierter Arzt in Ausbildung
ist nach der Korrektur von zwei oder drei Klumpfüßen mit der Technik
vertraut. Die wichtigsten Schritte der Korrektur sind in den Abbildungen
1 bis 9 anhand eines Klumpfußmodels aus Plastikknochen und elastischen
Bändern dargestellt.
Am Beginn lernt der Arzt durch Palpation die Position der wichtigsten Knochen
des Fußes in Relation zu den Malleoli und dem Taluskopf zu identifizieren.
Bei einem Klumpfuß sind Calcaneus, Naviculare und Cuboid in Relation zum
Talus nach medial rotiert und werden durch sehr straffe Bänder und Sehnen
fest in Adduktion und Inversion gehalten (Abb.
1). Obwohl der gesamte Fuß extrem supiniert ist, befindet sich der
Vorfuß in Relation zum Rückfuß in Pronation. Dadurch entsteht
der Cavus und die vermehrte Plantarflexion des ersten Metatarsale verglichen
mit den lateralen Metatarsalia (Abb.
2). Der Arzt fühlt die Distanz zwischen dem medialen Malleolus und
der Tuberositas des Naviculare. Je kürzer diese Distanz, desto gravierender
ist der Klumpfuß (Abb.
1). Bei Abduktion des Fußes muss er das Ausmaß des Widerstandes
abschätzen, welcher das Naviculare dem Wegbewegen vom medialen Malleolus
entgegensetzt. Dieser Widerstand korreliert mit der Schwere der Deformität.
Um den Klumpfuß zu korrigieren, wird zuerst der Cavus durch Supination
des Vorfußes und Dorsiflexion des ersten Metatarsale korrigiert (Abb.
3 und Abb.
4). Der Vorfuß darf niemals proniert werden.
Um den Varus und die Adduktion zu korrigieren, wird der Fuß in Supination
abduziert, während ein Gegendruck mit dem Daumen auf den Taluskopf ausgeübt
wird (Abb.
5,6,7).
Der Calcaneus abduziert dadurch, dass er unter den Talus rotiert und gleitet
(Abb. 8).
Wenn der Calcaneus abduziert, wird er gleichzeitig extendiert und evertiert,
wodurch der Fersenvarus korrigiert wird (Abb.
8,9,10,11).
Solange der Calcaneus nicht abduziert ist, kann er nicht evertieren [7].
Die Korrektur die durch das Einrichten erreicht wurde, wird durch Immobilisation
des Fußes für fünf bis sieben Tage in einem Gipsverband erhalten.
Durch die Immobilisation geben die straffen medialen und posterioren Bänder
des Tarsus langsam nach. Die Deformität kann graduell durch weitere Manipulation
und fünf bis sechs Gipswechsel korrigiert werden. Um die medialen Bänder
des Tarsus komplett zu dehnen, muss der Fuß vor dem Talus in den letzten
Gipsverbänden bis zu einem Winkel von 60° stark abduziert werden (Abb.
8). Die Ferse darf nicht angetastet werden (Abb.11).
Der Equinus wird durch Dorsiflexion des vollständig abduzierten Fußes
korrigiert. Eine perkutane Tenotomie der Achillessehne ist oft notwendig, um
die Spitzfußstellung komplett zu korrigieren [11].
Viele verschiedene Ausprägungsgrade des Klumpfußes können nach
der Geburt festgestellt werden. Das Versagen der konservativen Behandlung ist
öfters auf falsche Techniken bei dem Einrichten und der Gipsredression
als auf die schwere der Deformität zurückzuführen. Unsere Erfahrung
von über 50 Jahren zeigt, dass die meisten Klumpfüße, wenn die
Behandlung kurz nach der Geburt beginnt, leicht durch manuelles Einrichten und
Anbringen von fünf oder sechs Gipsverbänden korrigiert werden können.
Eine sehr kleine Anzahl von Säuglingen mit sehr hochgradigen, kurzen und
dicken Klumpfüßen und mit steifen Bändern, die der Dehnung nicht
nachgeben, bedürfen einer operativen Behandlung. Die funktionellen Langzeitergebnisse
und die Resultate bei unseren Patienten die im Säuglingsalter behandelt
wurden zeigen, dass der richtig therapierte Klumpfuß keine Behinderung
darstellt und völlig vereinbar mit einem normalen und aktiven Leben ist
[3].
Die häufigsten Fehler bei der Behandlung des Klumpfußes und wie
sie zu vermeiden sind:
- Pronation oder Eversion des Fußes (Abbildung
12 und Abbildung
13). Es wird von der falschen Annahme ausgegangen, die starke Supination
des Klumpfußes ließe sich durch Pronation oder Eversion des Fußes
korrigieren. Eine Pronation des Fußes verstärkt den Cavus, blockiert
den adduzierten Calcaneus unter dem Talus, während der Mittel- und Vorfuß
in Eversion gedreht werden und verschlimmert so die Deformität [12].
Die Supination des Fußes und der Fersenvarus lassen sich durch Abduktion
des supinierten Fußes unter den Talus korrigieren (Abbildung
15).
- Außenrotation des Fußes um die Adduktion zu korrigieren, während
der Calcaneus sich noch in Varusstellung befindet (Abbildung
14). Dies führt zu einer Verschiebung des lateralen Malleolus nach
posterior durch die Außenrotation des Talus im Sprunggelenk. Der
nach hinten verschobene laterale Malleolus, wie er in schlecht behandelten
Klumpfüßen vorkommt, ist eine iatrogene Deformität [12].
Dies kann nicht geschehen, wenn der Fuß in Flexion abduziert und leicht
supiniert wird, um die medialen tarsalen Bänder zu dehnen, während
ein Gegendruck auf den lateralen Anteil des Taluskopfes ausgeübt wird.
Dadurch wird dem Calcaneus die Abduction unter den Talus, und somit die Korrektur
des Fersenvarus ermöglicht (Abbildung
15).
- Abduktion
des Fußes im Bereich der Metatarsalgelenke, während der Daumen
auf den lateralen Fußrand nahe des Calcaneocuboidgelenks drückt,
wobei des Fuß gebogen wird als ob man ein Stück Draht geradebiegt.
Diese falsche Technik wurde von Kite gelehrt [8]. Bei der Abduktion
des Fußes gegen einen Druck am Calcaneocuboidgelenk wird die Abduktion
des Calcaneus blockiert, wodurch die Korrektur des Fersenvarus verhindert
wird (Abbildung
11).
Kite glaubte fälschlicher Weise, dass der Fersenvarus durch einfaches
Evertieren des Calcaneus korrigierbar sei. Er verstand nicht, dass der Calcaneus
nur durch Abduktion bzw. laterale Rotation unter den Talus evertiert werden
kann. Dieser Fehler in der Technik von Kite hatte einen großen negativen
Einfluss auf die konservative Klumpfußbehandlung. Kite konnte die Deformität
nach häufigem Einrichten und vielen Gipswechseln korrigieren. Seine weniger
geduldigen Anhänger, abgesehen von einigen bemerkenswerten Ausnahmen,
griffen schnell auf den operativen Eingriff zurück.
- Häufige
Manipulation ohne nachfolgender Immobilisation. Der Fuß sollte mit den
kontrakten Bändern in maximaler Dehnung
nach jedem Einrichten immobilisiert werden. Die Gipsverbände die
zwischen dem Einrichten angelegt werden dienen der Dehnung der Bänder
und deren Lockerung, um bei der nächsten Behandlung nach fünf bis
sieben Tagen eine weitere Dehnung erzielen zu können [11].
- Das
Anbringen von Unterschenkel- an Stelle von Ober-Unterschenkelgipsverbänden.
Der hohe Gipsverband ist notwendig um eine Rotation des Sprunggelenks und
des Talus zu verhindern. Da der Fuß unter dem Talus in Abduktion gehalten
werden muss, darf der Talus nicht rotieren da sonst die erreichte Korrektur
wieder verloren geht.
- Versuche
die Spitzfußstellung zu beeinflussen bevor der Fersenvarus und die Supination
des Fußes korrigiert wurden führt zu einer Schaukelfuß- Deformität.
- Das
Versäumnis die an einer Platte in Außenrotation fixierten Schuhe
für drei Monate ständig und für zwei bis vier Jahre nachts
zu verordnen. Diese Orthese ist notwendig, um der Tendenz der Bänder
sich wieder zu verkürzen und somit einem Rezidiv entgegenzuwirken. Die
Sprunggelenke und Kniegelenke können frei bewegt werden [11].
- Der
Versuch der perfekten anatomischen Korrektur. Es ist falsch anzunehmen, dass
das frühe Ausrichten der verschobenen knöchernen Strukturen zu einer
normalen Anatomie und zu guten Langzeitergebnissen des Klumpfußes führt.
Wir konnten keine Korrelation zwischen dem radiologischen Bild des Fußes
und dem funktionellen Langzeitergebnis finden [3]. Bei einer schweren
Klumpfußfehlstellung ist es möglich, dass die komplette Reduktion
des extrem medial verschobenen Naviculare durch die Manipulation nicht erreicht
werden kann. Die medialen tarsalen Bänder können nicht genügend
gedehnt werden um das Naviculare vollständig vor den Taluskopf zu bringen.
Da den Gelenkskapseln und den Bändern eine wichtige Rolle in der Kinematik
der Tarsalgelenke zukommt [7], können sie jedoch nicht folgenlos
durchtrennt werden. Bei Säuglingen sollen die medialen Bänder kontinuierlich
und so weit es geht gedehnt und nicht durchtrennt werden, unabhängig
davon ob eine anatomisch perfekte Korrektur erreicht wird oder nicht [11].
Mit
einem teilweise korrigiertem Naviculare kann der Vorfuß in die richtige
Ausrichtung im Verhältnis zum Rückfuß gebracht werden, da die
Bänder vor dem Naviculare und das Lig. bifurcatum sich genug dehnen um
eine laterale Verschiebung und laterale Verkippung der Os cuneiforme und des
Cuboids bei korrekter Ausrichtung der Matatarsalia zulassen. Der Calcaneus kann
ausreichend abduziert werden, um die Ferse in eine normale neutrale Position
zu bringen. Diese anatomisch nicht ganz perfekte Korrektur führt zu einem
funktionell und kosmetisch gutem Ergebnis für mindestens vier Jahrzehnte,
wobei viele der Komplikationen des operativen tarsalen Releases vermieden werden.
Bei Kindern die jedoch älter als vier oder fünf Monate sind werden
die Ligamente steifer, wodurch eine operative Korrektur nötig werden kann,
um den Fuß in eine adäquate Position zu bringen.
Ein Rezidiv, in hochgradigen Klumpfüßen häufig, ist möglicherweise
durch die selben Mechanismen bedingt wie bereits die primäre Deformität
und lässt sich leicht durch weiteres Einrichten und zwei bis drei weitere
Gipsverbände korrigieren. Bei einem zweiten Rezidiv und bei starker Supinationstendenz
durch den M. tibialis anterior, muss dessen Sehne auf das Os cuneiforme laterale
transferiert werden. Dieser Eingriff beugt einem weiteren Rezidiv vor und korrigiert
den anteroposterioren talocalcanearen Winkel. Dadurch wird die Notwendigkeit
für einen tarsalen Release stark vermindert [9, 10].
Orthopäden mit eingeschränkter Erfahrung in der Behandlung von Klumpfüßen
sollten nicht versuchen die Deformität mit manueller Manipulation und Gipsverbänden
zu behandeln. Sie können vielleicht milde Formen des Klumpfußes korrigieren,
aber schwere Fälle benötigen die Therapie durch einen erfahrenen Experten.
Es passiert leicht die Komponenten der Deformität zu verändern und
damit eine weitere Behandlung schwierig bis unmöglich zu machen. Wenn eine
Korrektur nicht erreicht wird, sollten nicht mehr als zwei bis drei Gipsredressionen
versucht werden. Eine Ðberweisung an ein Zentrum mit Erfahrung in der konservativen
Therapie des Klumpfußes sollte dann erfolgen, sodass eine spezifische
manuelle Behandlung durchgeführt werden kann, bevor ein operativer Release
erwogen wird. Die funktionellen Ergebnisse sind immer besser wenn eine solche
Operation vermieden werden kann [1]. Die Behandlung eines Säuglings
mit kongenitalen Klumpfüßen und das klinische Bild im 38. Lebensjahr
sind in den Abbildungen
18 bis 30 dargestellt. Das schlechte Ergebnis der unbedachten Operation
ist in den Abbildungen
31 bis 34 illustriert.
Index
der Abbildungen
Informationen
für Patienten und Eltern über den Klumpfuß
Literaturverweise
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published 1872, Masson, Paris).
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